Historiker Dr. Dirk Lau, der bereits an der Nachkriegsausstellung zur Entnazifizierung und Demokratisierung Blankeneses mitgearbeitet hat, zitierte aus dem Buch von Harald Welzer, Sabine Moller und Karoline Tschuggnall, dessen Titel „Opa war kein Nazi“ zum geflügelten Wort geworden ist. Die von der Volkswagenstiftung geförderte Studie über die Tradierung von Geschichtsbewusstsein förderte zutage, was vielen bis heute unangenehm ist: In deutschen Familien kursieren andere Bilder vom Dritten Reich als in Schulen und Museen. Erzählt wird vom Leiden der eigenen Angehörigen unter Bespitzelung, Terror, Bomben und Gefangenschaft, und dieses Wissen wird nicht als Wissen weitergegeben, sondern als Gewissheit. Nazis, das ist die stille Übereinkunft vieler Familientische, kommen in der eigenen Verwandtschaft nicht vor.

Lau spannte den Bogen von dieser Verdrängung zurück in die unmittelbare Nachkriegszeit, als den Alliierten die Entnazifizierung am Herzen lag und zugleich etliche belastete Verwaltungsbeamte genau jene waren, die eine funktionierende Verwaltung überhaupt erst wieder aufbauen konnten. Wie belastet der Einzelne tatsächlich war, blieb lange unklar – und mit der Frage, wann man überhaupt ein Nazi war und wer keiner gewesen sein wollte, ließ sich trefflich lavieren. Erst in den 2000er Jahren, als viele Zeitzeugen Details bereits vergessen hatten und die Vergangenheit zu verblassen begann, kam die Aufarbeitung so richtig in Schwung. Klar wurde dabei zumindest eines: Niemand wurde gezwungen, in die NSDAP einzutreten, auch wenn mancher sich davon Vorteile versprochen haben mag.

Auf dem Podium diskutierten nach dem Vortrag unter der Leitung von GemeindeAkademie-Chefin Maren Kemmer Pascal Mathéus von der Buchhandlung Wassermann und der Historiker Dr. Jan Kurz vom Vorstand des Förderkreises Historisches Blankenese mit. Beide bestätigten, dass auch in ihren Familien kaum ein Wort über die Jahre zwischen 1939 und 1945 verloren wurde. Und doch gibt es heute Menschen, die sich mit der Familien- oder Unternehmensgeschichte auseinandersetzen. Mathéus erzählte, wie er und sein Kompagnon Florian Wernicke bei der Übernahme der Traditionsbuchhandlung an der Elbchaussee zunächst nur einem Ordner mit Unterlagen begegneten, deren Überlieferung erst 1945 einsetzte. Eine großangelegte Spurensuche in Hamburg, Templin, Berlin, Potsdam und Leipzig folgte, bis sich ein stimmiges Bild ergab: Gegründet wurde das Haus 1848 von Friedrich Wassermann in Templin, dessen Schwiegertochter Hedwig es an Gottfried Kortes verkaufte. Dessen Sohn Alfred, bis zum Sommer 2023 Namensgeber des Ladens, war von 1933 bis 1945 Mitglied der NSDAP, 1933 zeitweise auch der SA, und bekleidete in Templin Ämter in direkter Zusammenarbeit mit den örtlichen Nazigrößen. Seine Buchhandlung war Ausgabestelle für Karten zu NSDAP- und SS-Veranstaltungen, sein Zeitungsverlag trug die politische Linie der Partei mit. Die derzeitigen Inhaber der Buchhandlung arbeiteten tabulos die Geschichte der Buchhandlung auf, was in der Umbenennung des Traditionsgeschäftes in der Elbchaussee mündete.

Auch die Bäckerei Körner geht offen mit ihrer Weltkriegs-Vergangenheit um, die in diesem Jahr ihr 125-jähriges Jubiläum feierte: Während der NS-Zeit versorgte die Familie nicht nur die Bevölkerung mit Brot und Brötchen, sondern zeitweise auch die Truppe, und weil viele Angestellte zum Kriegsdienst einberufen worden waren, war Inhaber Max Körner auf die Unterstützung von Zwangsarbeitern angewiesen. Ihm und seiner Frau Frieda war es wichtig, diese Menschen mit demselben Respekt zu behandeln wie ihre übrigen Mitarbeiter, und der Kontakt zu ehemaligen Zwangsarbeitern blieb über die Kriegszeit hinaus bestehen. In einem im Familienarchiv aufgefundenen Tondokument schildern sie, wie gut sie durch die Familie Körner behandelt worden sind. Aus den sorgfältig archivierten Unterlagen geht zudem hervor, dass manches Brot seinen Weg auf die Tische ärmerer Menschen oder von Flüchtlingen fand und dass Juden, die sich vor den Nazis versteckt hielten, von der Familie versorgt wurden.

Seinen Anlass hat der Abend in einer Entwicklung, die seit Monaten für Gesprächsstoff sorgt. Die überlieferten Mitgliederkarten der NSDAP sind über die Webseiten verschiedener deutscher Zeitungen einsehbar, nachdem das US-Nationalarchiv seine digitalisierten Mikrofilmrollen im Frühjahr 2026 frei und ohne Registrierung ins Netz gestellt hat. Dass die Kartei überhaupt existiert, verdankt sich dem Münchner Papiermüller Hanns Huber, der im April 1945 unter Lebensgefahr den Befehl verweigerte, die rund 65 Tonnen schweren Karteien zu verbrennen, und sie stattdessen unter Altpapier versteckte. Die US-Armee stellte die Dokumente kurz darauf sicher, fertigte in den 1990er Jahren Mikrofilme an und übergab die Originale 1994 an das Bundesarchiv. Dort liegt die Kartei in deutlich besserer, hochauflösender Farbqualität, doch strenge Schutzfristen von bis zu 100 Jahren nach der Geburt einer Person sperren eine freie Online-Datenbank bis frühestens 2028. Wer heute Gewissheit sucht, kann im Katalog des US-Nationalarchivs kostenfrei mit der Struktur Nachname, Vorname recherchieren – meist landet man auf ganzen Filmrollen, durch die man sich mühsam klicken muss – oder beim Bundesarchiv einen Benutzungsantrag stellen und Name, Vorname, Geburtsdatum und Geburtsort angeben. Die einfache Auskunft ist kostenlos, dauert aber derzeit etwa vier bis sechs Monate. Die komfortablen, KI-gestützten Suchmasken der großen Zeitungshäuser sind nach Ablauf ihrer Testphasen meist Abonnenten vorbehalten; kostenfrei nutzen lässt sich das Recherchetool der Zeit in den Lesesälen des Bundesarchivs in Berlin und Koblenz. Vollständig sind die Angaben ohnehin nicht immer, fehlerhaft mitunter auch – wer meint, mit einem Fund sei alles gesagt, irrt.

Dass die neue Offenheit nicht nur Erleichterung schafft, machte der Abend ebenfalls deutlich. Aus der Runde war zu hören, dass die Veröffentlichung der Parteikarteien von rechtsradikaler Seite bereits für Selbstdarstellungen genutzt wird – mit Vorfahren, die im Dritten Reich angeblich tolle Menschen gewesen seien. Für die Nachgeborenen wiegt ohnehin schwerer als jede Karteikarte die Frage, was aus dem Schweigen am eigenen Küchentisch folgt: Was heißt es für den Sohn, die Tochter, den Enkel oder Urenkel? Wurde man selbst nationalsozialistisch erzogen, ist man deshalb schon derselbe wie der Großvater, und ist man verpflichtet, sich mit der Familiengeschichte kritisch auseinanderzusetzen? Antworten darauf hat die Vergangenheit nicht, aber die Diskussion darüber lässt sich führen. Bis zum 30. Oktober ist die Nachkriegsausstellung während der regulären Öffnungszeiten des Gemeindesaales und nach den Gottesdiensten zu sehen, Führungen gibt es auf Anfrage.