Kein Stau, kein Absperrband über Wochen, kein Mensch, der auf Toilette verzichten musste: Die Schachtsanierung des Transportsiels Altona lief mitten im Betrieb. Rund zwei Jahre dauerte der Kraftakt, 17 Schächte entlang der knapp acht Kilometer langen Leitung wurden saniert, und seit Dienstag vergangener Woche ist die zentrale Abwasserachse des Hamburger Westens wieder vollständig im regulären Betrieb. Rund 300.000 Menschen hängen an dieser Leitung.

Ortstermin am Schacht: Hamburg Wasser hatte Journalistinnen und Journalisten in die sanierte Anlage geladen. Am Sammelpunkt an der Oberfläche verteilt der Einweiser von Hamburg Wasser Schutzanzüge, Helme und Gummistiefel mit Spiekes sowie Atmungsgeräte, dazu die ernste Belehrung, die keiner unterschätzen sollte: nicht rauchen, keine hastigen Bewegungen ("Es ist da unten sehr glitschig!"), und im Ernstfall in Sekunden wieder oben sein. Ein Kollege zieht die Handschuhe über und gibt zu, dass ihm mulmig ist. Zehn Meter unter der Erdoberfläche, durch eine Öffnung, die kaum größer ist als ein Gully, steigt man auf einer schmalen Leiter hinab, ein Bein nach dem anderen, die Hände am Holm, während über einem der Verkehr weiterläuft, als wäre nichts. Unten erst wird aus dem dunklen Loch ein Raum mit eigener Akustik: tropfendes Wasser, ein fernes Rauschen, das nicht aufhört. Die Helmlampen streichen über die neue Kunststoffauskleidung, und irgendwann steht die ganze Truppe in dem aufgeschnittenen Abschnitt des Siels, unterhalb das Rohr, in dem das Abwasser einer halben Stadt vorbeizieht. Aufregend ist das allemal — für manchen war es der erste Ausflug dieser Art überhaupt.

Unten angekommen sieht die Sache entspannter aus, als sie ist. Der Einweiser von Hamburg Wasser hatte an der Oberfläche noch von den Gefahren erzählt, und tatsächlich blieb alles Theorie: Niemand kam zu Schaden. Insgesamt waren 15 Medienvertreterinnen und -vertreter zum Ortstermin im Hohenzollernring geladen, um sich den sanierten Schacht anzusehen und über die erfolgreiche Sanierung zu berichten. Zu verachten sind die Gase nicht, die sich in einem Abwasserrohr bilden können. Hätten die Sensoren während des Besuchs gepiept, wäre die Kletterpartie sehr schnell vorbei gegangen. Im Regelbetrieb steht das Wasser in dem 1,80 Meter dicken Rohr etwa 70 Zentimeter hoch, bei Starkregen darf es den Schacht auch einmal komplett füllen.

Was den wenigsten bewusst ist: Das Abwasser aus Rissen, Sülldorf, Iserbrook und Blankenese fließt nicht etwa in die Elbe, sondern in ein eigenes Netz. Von den Grundstücken läuft es über Hausanschlüsse und Straßenabläufe in die Sielnetze des Westens, läuft im freien Gefälle über Sammler und Pumpwerke einwärts, bis es in die großen Transportleitungen einschwenkt. Für den Hamburger Westen heißt das: hinein ins Transportsiel Altona, das vom Rondenbarg bis zur Elbe reicht und die Mengen aus Bahrenfeld, Lurup, Groß Flottbek, Othmarschen, Ottensen, Stellingen, Eidelstedt und Lokstedt mitnimmt — bis zu 180.000 Kubikmeter an einem trockenen Tag. Rissen, Sülldorf und Iserbrook entwässern dabei über die westlichen Sammler ins Sielsystem, Blankenese liegt mit seiner Hanglage und den Pumpwerken am Elbhang am unteren Ende des Gefälles.

Am Betriebsschacht Philosophenweg wird es spektakulär: Dort stürzt das Wasser strudelartig durch die Schnecke eines Wirbelfallschachts etwa zehn Meter in die Tiefe, um anschließend durch einen Düker unter der Norderelbe hindurch weiterzuziehen — zum Klärwerk Hamburg auf dem Köhlbrandhöft, der größten kommunalen Kläranlage Deutschlands. Dort landet praktisch das gesamte kommunale Abwasser der Stadt, rund 99 Prozent laufen im Klärwerksverbund Köhlbrandhöft/Dradenau zusammen. Erst wird mechanisch gereinigt, dann biologisch, und am Ende geht das gereinigte Wasser in die Elbe. Auf dem Weg dorthin ist der Düker die Nadelöhr-Stelle, und genau deshalb musste das Siel saniert werden.

Schuld am Zustand der Schächte war die biogene Schwefelsäurekorrosion. Die aggressive Zusammensetzung des Abwassers bildet Dämpfe, die den Beton der senkrechten Bauwerke über Jahre regelrecht zerfressen, während die Transportleitung selbst in gutem Zustand blieb. Ein Befund aus den Routineinspektionen, der die Sanierung unausweichlich machte. Saniert wurde mit säurefestem Kunststoff, verbaut in zwei Baulosen, begonnen im Oktober 2024, abgeschlossen im Oktober 2026.

Das Kunststück dabei: Die Leitung durfte nie leer laufen. Also teilte man die Mengen auf. Ein Teil des Abwassers wurde vorübergehend über andere Siele umgeleitet, der Rest musste weiter durch das Transportsiel fließen. Damit rundherum gearbeitet werden konnte, verlegten die Kollegen innere Verrohrungen — Rohre im Rohr, die den Abfluss aufrechterhielten, während auf engstem Raum saniert wurde. Ein zwölf Meter langes, 3,5 Tonnen schweres Stahlrohr war dabei ein Höhepunkt, den die Baustelle zu bieten hatte. Auf offene Baugruben verzichtete Hamburg Wasser bewusst, um Straßenraum und Anwohner so wenig wie möglich zu behelligen. Sämtliche Materialien, Geräte und Bauteile mussten durch vergleichsweise schmale Schachtöffnungen in Tiefen von bis zu rund 24 Metern transportiert werden. Und das Wetter spielte mit: Viele Arbeiten waren nur in trockenen Phasen möglich, weil bei starkem Regen deutlich größere Abwassermengen durch das System drücken und die Arbeiten gefährlich bis unmöglich machen.

Ganz geruchlos ging es trotzdem nicht. Die Umleitungen führten zeitweise zu Geruchsemissionen entlang der Umleitungsstrecken. Zehntausende Haushalte in den betroffenen Gebieten bekamen Einwurfschreiben mit dem Hinweis, im Zweifel die Nase zuzudrücken — eine Kampagne, die nicht jedem gefiel, aber für Transparenz sorgte.

Unterm Strich steht eine Zahl, die in Hamburg Seltenheitswert hat. Statt der ursprünglich veranschlagten zehn Millionen Euro kostete die Sanierung nur rund 7,5 Millionen Euro. Geschäftsführer Martin Gerhardt sprach daher auch von einem infrastrukturell bedeutenden Projekt und einer Lebensader der Abwasserentsorgung im Westen der Stadt; mit der Maßnahme sei die Funktion des Siels für die kommenden Jahrzehnte gesichert. Hamburg Wasser arbeitet nach eigenen Angaben daran, Investitionen in die Infrastruktur weiter zu erhöhen — bis 2035 sollen rund 270 Kilometer Trinkwasserleitungen erneuert werden, dazu kommen die teils über hundert Jahre alten Abwasserkanäle.