Othmarschen (30. Oktober 2026, Kommentar von Markus Krohn) · Man muss sich das einmal in Ruhe vor Augen führen. Da sammelt ein Verein 15.520 Unterschriften, übergibt sie feierlich der Präsidentin der Bürgerschaft, bekommt ein freundliches Gespräch und offene Ohren – und am selben Tag vergibt die Hamburg Port Authority den Auftrag, den Wald zu fällen. Nicht eine Woche später, nicht nach der Prüfung der Unterschriften, nicht nach der Anhörung. Am selben Tag.

Wer so handelt, muss sich nicht wundern, wenn Menschen den Glauben verlieren, dass ihre Stimme in diesem Gemeinwesen etwas zählt. Die Volkspetition ist kein Hobby für Sonntagnachmittage, sie ist ein Verfassungsinstrument. Wenn sie sich anfühlt wie ein Papierkorb mit amtlichem Briefkopf, dann ist der Schaden längst entstanden – und er ist größer als der um rund 290 Pappeln.

Dabei wäre das alles so viel einfacher. Ein Runder Tisch, ein Mediator, ein ernsthaftes Gespräch über die Frage, wie viele Bäume wirklich weichen müssen und wann. Die Kritiker sagen, für die Drehkreiserweiterung reiche ein Bruchteil der Fällungen. Die Hafenbehörde sagt, der Beschluss sei bestandskräftig und alles geprüft. Beides mag nebeneinander existieren – und genau deshalb gehört es auf einen Tisch, nicht vor Gericht. Ein Bau, der frühestens 2028 beginnt, kennt keinen Grund zur Eile. Er kennt nur ein Interesse an vollendeten Tatsachen.

Und das ist der eigentliche Skandal: Es gibt eine Lücke im Recht, und statt sie zu schließen, wird sie ausgenutzt. Eine laufende Petition verpflichtet formal zu nichts. Aber Demokratie ist mehr als das, was Juristen gerade noch durchgehen lassen. Sie lebt von Selbstbindung, von Zurückhaltung, von der Bereitschaft, einen Schritt zu tun, zu dem man nicht gezwungen ist. Wer die Lücke nutzt, gewinnt vielleicht einen Rechtsstreit und verliert ein Stück Vertrauen, das niemand so leicht zurückholt.

Jetzt also Brüssel und ein Eilantrag in Hamburg. Der Generaldirektor der EU-Kommission für Wettbewerb, Anthony Whelan, ist mit dem Aktenzeichen 2026/10630538 befasst, das Hamburgische Verfassungsgericht soll die Rodung vor der Petition stoppen. Zwei Verfahren, zwei Fronten, ein Ergebnis: Monate der Verhärtung. Am Ende wird ein Gericht entscheiden, was ein Gespräch hätte klären können. Wer aus so einem Verfahren herauskommt, hat gewonnen – und niemand hat etwas gewonnen.

Man mag einwenden, dass eine Verwaltung nun einmal nach Planfeststellungsbeschluss handeln muss und nicht nach Stimmungslage. Richtig. Aber ein Planfeststellungsbeschluss von 2016 schreibt kein Datum vor. Er schreibt nicht vor, dass die Säge im Herbst 2026 laufen muss und nicht im Frühjahr 2027, nach einem Gespräch, nach einem Kompromiss, vielleicht sogar nach einer Versöhnung. Dieser Spielraum existiert. Er wird nur nicht genutzt.

Und dann ist da noch die Sache mit der Teilrodung im Februar. Trauerweiden, die in die Elbe ragten, rund 50 Pappeln – vor der noch ausstehenden Entscheidung aus Brüssel, nach Darstellung des Vereins ohne die vorgeschriebene Beteiligung. Es ist genau dieser Vorgriff, der die Tür zugeschlagen hat. Wer einmal das Gefühl erzeugt hat, überfahren zu werden, wird beim zweiten Mal nicht mehr an den guten Willen glauben. Das Misstrauen ist nicht gewachsen, es wurde hergestellt.

Es geht hier nicht um Bäume gegen Container. Es geht um die Frage, ob ein Staat seinen Bürgern zuhört, wenn sie sich die Mühe machen, auf verfassungsgemäße Weise zu sprechen. Die Antwort, die Hamburg in diesen Wochen gibt, ist eine schlechte. Und sie kommt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, in einer Gesellschaft, deren Verständnis von Demokratie ohnehin Risse hat – ramponiert genug, dass man nicht auch noch selbst welche hineinschlagen müsste.

Vielleicht ist noch nicht alles verloren. Ein Mediator kostet weniger als ein Verfassungsverfahren und deutlich weniger als das Vertrauen, das derzeit verbraucht wird. Die Initiative hat nie gesagt, dass kein Baum fallen darf – sie hat gesagt, dass nur die fallen sollen, die unbedingt müssen. Die HPA hat nie gesagt, dass sie Gespräche verweigert. Beide könnten morgen an einem Tisch sitzen. Für die Werbung um Vertrauen in dieser Gesellschaft wäre es das beste Geschäft des Jahres.

Am Bubendey-Ufer stehen die Pappeln noch. Noch. Es ist nicht zu spät, das Gespräch zu suchen – es ist nur schon ziemlich spät. Also: Wer macht den ersten Schritt?