Mit „Huus“ ist in Hamburg ein neues Kapitel der urbanen Mobilität aufgeschlagen worden. Seit dem Dienstag bringt der Service Fahrgäste für einen Festpreis von sechs Euro zwischen Wohnadresse und ausgewählten S- und U-Bahn-Stationen – vor allem in den Abend- und Nachtstunden. Das Projekt, getragen von Hansa-Taxi und Freenow, soll insbesondere dort greifen, wo klassische Angebote des öffentlichen Nahverkehrs an ihre Grenzen stoßen.
Verkehrssenator Anjes Tjarks sieht in dem Pilotprojekt einen wichtigen Baustein der Mobilitätswende. „Wir bringen die Menschen zuverlässig von der Haustür zur Bahn“, erklärte er zum Start. Gerade in weniger dicht angebundenen Stadtteilen könne so eine Lücke geschlossen werden.
Das Konzept ist einfach: maximal drei Kilometer, keine Zwischenstopps, ein einheitlicher Preis. Gebucht wird digital per App, gefahren wird mit bestehenden Taxifahrzeugen. Genau hier beginnt jedoch die Kritik aus Blankenese.
Der Vorsitzende des Taxenanruf Blankenese e.V., Sven Althorn, zeigt sich irritiert – und verärgert. „Wir können uns nicht vorstellen, wie ein solcher Service wirtschaftlich durchgeführt werden soll“, sagt er. Eine vergleichbare Strecke koste im regulären Taxibetrieb etwa das Doppelte. Für ihn wirkt der Preis wie ein klassisches Dumpingangebot.
Hinzu kommt: Die rund 30 bis 40 Unternehmer, die seit Jahrzehnten im Hamburger Westen aktiv sind, wurden nach eigenen Angaben nicht einmal gefragt, ob sie sich an dem Projekt beteiligen wollen. Dabei gehört der Taxenanruf Blankenese zu den traditionsreichsten Anbietern der Region – seit über 100 Jahren.
Konkurrenz aus den USA
Besonders kritisch sehen die Unternehmer die Rolle des US-Konzerns Lyft, der hinter Freenow steht. Althorn vermutet, dass hier ein strategischer Markteintritt vorbereitet wird. Lyft gilt als einer der größten Wettbewerber von Uber und hat in Nordamerika einen erheblichen Marktanteil.
„Hier wird mit staatlicher Beteiligung ein Wettbewerber aufgebaut“, so der Vorwurf. Die Sorge: Lokale Anbieter könnten verdrängt werden, während internationale Plattformen langfristig die Preise diktieren.
Die Kritik fällt in eine ohnehin angespannte Lage der Branche. Steigende Kosten, der Umstieg auf E-Fahrzeuge durch regulatorische Vorgaben und Nachwuchsmangel setzen viele Unternehmer unter Druck. Gleichzeitig sinkt die Nachfrage – insbesondere in den Nachtstunden, die nun durch „Huus“ gezielt adressiert werden.
Bereits frühere Angebote wie das Ridepooling-System von MOIA hätten den Markt verändert, so Althorn. Doch während sich dieses Modell bislang wirtschaftlich schwer tue, könnte „Huus“ durch den niedrigen Festpreis zusätzlichen Druck erzeugen.
Politisch gewollt – lokal umstritten
Unterstützung erhält das Projekt aus der Politik. Die Altonaer Abgeordnete Filiz Demirel (Grüne) betont den sozialen Nutzen: Gerade für Menschen in schlecht angebundenen Gebieten werde der Heimweg sicherer und planbarer. Auch die einfache Buchung und der feste Preis senkten die Zugangshürden.
Doch genau dieser politische Rückenwind verstärkt die Kritik der lokalen Unternehmer. Sie sehen sich nicht nur wirtschaftlich bedroht, sondern auch strukturell benachteiligt – weil sie in die Planung nicht einbezogen wurden.
Offiziell ist „Huus“ zunächst auf ein Jahr angelegt. In dieser Zeit soll geprüft werden, ob das Angebot angenommen wird und wirtschaftlich tragfähig ist. Eine Ausweitung auf weitere Stadtteile ist bereits im Gespräch.
Für die Taxiunternehmer in Blankenese steht jedoch mehr auf dem Spiel als ein weiteres Mobilitätsangebot. Sie fürchten um ihre Existenz – und um ein Geschäftsmodell, das bislang auf persönlichem Service, festen Kundenbeziehungen und lokaler Verankerung beruhte.
Ob „Huus“ tatsächlich die Mobilität verbessert oder den Wettbewerb verzerrt, dürfte sich erst in den kommenden Monaten zeigen. Klar ist schon jetzt: Der Konflikt zwischen Innovation und Bestand ist in Hamburgs Westen angekommen.





















