Wer heute durch den Hirschpark in Hamburg-Nienstedten spaziert, bleibt unweigerlich vor dem imposanten Bau stehen, der sich leicht erhöht über die Elbe erhebt. Das sogenannte Hirschparkhaus, ursprünglich als Landhaus J. C. Godeffroy bekannt, ist ein Zeugnis hanseatischer Kaufmannskultur des 18. Jahrhunderts. Errichtet ab 1785 für den Reeder und Kaufmann Johann Cesar Godeffroy, zählt das Gebäude zu den frühesten klassizistischen Landhäusern der Stadt. Seine klare Symmetrie, die markante Rotunde zur Parkseite und das reich verzierte Gesims machen es bis heute zu einem architektonischen Blickfang.
Doch so repräsentativ die äußere Erscheinung ist, so verletzlich ist die Substanz eines über 200 Jahre alten Gebäudes. Diese Erfahrung prägt die aktuelle Sanierung, die im Frühjahr 2024 sichtbar begann. Aus der Perspektive der Nutzerin beschreibt Christiane Meyer-Rogge-Turner, Schulleiterin der Lola Rogge Schule, die das Haus seit 1972 nutzt, eine Phase des Wartens und Hoffens: "Anfangs kamen die Arbeiten nur schleppend voran, doch inzwischen hat die Sanierung deutlich an Fahrt aufgenommen." Umfangreiche Untersuchungen des Dachbodens offenbarten gravierende Schäden. Altes Gebälk musste sorgfältig ausgetauscht, moderne Dämmung behutsam integriert werden – stets mit Blick auf die denkmalgeschützte Struktur.
Was zunächst als vergleichsweise überschaubare Instandsetzung des Gesimses geplant war, entwickelte sich im Verlauf der Arbeiten zu einer grundlegenden Sanierung. Die Ursachen dafür liegen tiefer als erwartet. Im Zuge der ersten Maßnahmen traten erhebliche Substanzmängel zutage, die bis in tragende Konstruktionen reichten. Damit war klar: Eine bloße kosmetische Reparatur würde dem Gebäude nicht gerecht. Die Planung musste vollständig überarbeitet, zusätzliche Gewerke wie Zimmerer und Dachdecker einbezogen werden.
Besonders kritisch erwies sich ein unvorhersehbarer Schädlingsbefall. Nach der Öffnung weiterer Bauteile im Frühjahr 2025 wurden massive Schäden durch Hausschwamm und Braunfäule entdeckt – sowohl im Mauerwerk als auch in der Zwischendecke. Diese Befunde betrafen statisch relevante Bereiche und machten eine sofortige, fachgerechte Schwammsanierung unumgänglich. Der Erhalt des Denkmals ließ hier keinen Spielraum für Kompromisse.
Trotz aller Rückschläge gibt es auch messbare Fortschritte: Die Sanierung der befallenen Bereiche sowie die Erneuerung der obersten Geschossdecke nach heutigen Dämmstandards konnten im November 2025 erfolgreich abgeschlossen werden. Aktuell konzentrieren sich die Arbeiten auf die tragende Unterkonstruktion und den originalgetreuen Neuaufbau des reich verzierten Gesimses – eine handwerklich anspruchsvolle Aufgabe, die intensive Abstimmungen mit dem Landesbetrieb Immobilienmanagement und Grundvermögen (LIG) sowie den Denkmalschutzbehörden erfordert.
Für die Nutzerinnen und Nutzer des Hauses, allen voran die Lola Rogge Schule, bedeutet die Baustelle eine Belastung. Lärm, Staub und das allgegenwärtige Gerüst prägen seit Monaten den Alltag. Dennoch überwiegt der Wille, diese Phase zu akzeptieren. Das Haus ist vielen ans Herz gewachsen – nicht nur der Schule, sondern auch den Menschen in Nienstedten und Blankenese. Die Hoffnung ist klar formuliert: dass die „Operation“ gelingt und das Gebäude rechtzeitig bis 2027, dem Jahr des 100-jährigen Schuljubiläums der Lola Rogge Schule, wieder in voller Würde genutzt werden kann.
Der aktuelle Ausblick ist vorsichtig optimistisch. Die Gesamtfertigstellung wird derzeit für Juni 2026 avisiert. Dass sich der Zeitplan im Vergleich zu den ursprünglichen Erwartungen verschoben hat, ist bei einem Objekt dieser historischen Bedeutung kaum überraschend. Bei denkmalgeschützten Gebäuden gilt: Die Sicherung der Bausubstanz und eine denkmalgerechte Ausführung haben Vorrang vor Geschwindigkeit.
Das Hirschparkhaus steht damit exemplarisch für den Umgang mit kulturellem Erbe im 21. Jahrhundert. Es fordert Zeit, Fachwissen und Geduld – belohnt dafür aber mit einem Stück lebendiger Geschichte. Wenn die Gerüste eines Tages fallen, wird nicht nur ein Gebäude saniert sein, sondern ein wichtiger Ort Hamburger Identität gestärkt in die Zukunft gehen.


