Es ist eine fast schon tragische Ironie: Während der Hamburger Senat das Ziel einer deutlichen Entsiegelung ausgibt, um die Hansestadt bis 2040 klimaneutral zu machen, rücken am Sülldorfer Kirchenweg die Bagger an, um das Gegenteil zu betonieren. Die beidseitigen Gehwege, die bislang mit einem wassergebundenen Grandbelag versehen waren, erhalten nun ein Pflaster aus zehn Zentimeter dicken Betonsteinen – in weiten Teilen bis dicht an das Wurzelwerk der Straßenbäume heran. Bei extremer Sommerhitze benötigt eine ausgewachsene Eiche leicht mehrere hundert Liter Wasser pro Woche. Doch ein Großteil des Regens wird durch die flächendeckende Versiegelung nun über die neu angelegten Gullys direkt in das Kanalnetz von Hamburg Wasser abgeleitet.

Das Bezirksamt Altona wehrt sich: Man agiere „hinsichtlich Ver- und Entsiegelung mit größter Sorgfalt“, teilt die Behörde mit. Im direkten Wurzelbereich der Bäume werde weiterhin ein Grandaufbau eingesetzt, der die Versickerung gewährleiste. Dass die Oberfläche optisch verdichtet wirke, stelle noch keine Versiegelung dar. Zudem begleite eine externe Kontrollfirma den umstrittenen Einbau. Ein Blick auf die Baustelle und die Pläne lässt viele Anwohner jedoch zweifeln. Der Verdacht bleibt bestehen, dass die vollflächige Abdeckung ein gravierender Eingriff in die Umwelt ist.

Die Pflasterung ist jedoch nur das sichtbare Fundament eines vielschichtigen Konflikts: Die glatte Fahrbahnoberfläche, die Rollstuhlfahrern und Fußgängern helfen soll, hat weite Teile der Strecke praktisch über Nacht in eine gefährliche Rennpiste verwandelt. Radfahrer und Rollerfahrer nutzen das neue Gefälle zum rücksichtslosen Bergabrasen. Während eines Treffens der Anwohner an der Baustelle rauschten gleich mehrere Zweiradfahrer ungebremst in die Menge der Anlieger. Auch der Autoverkehr lässt sich von der furchigen Baustelle kaum bremsen: Ein SUV-Fahrer beschleunigte auf rund 60 km/h und hob an einem herausragenden Gully krachend ab.

27 VersiegelungPflastersteine liegen auf den Baumwurzeln. Foto: Markus Krohn

Dass diese Straße den Charakter einer Hauptschlagader hat und deutlich mehr bedeutet als die Zufahrt zu ein paar Privathäusern, zeigt die Geschichte: Der Sülldorfer Kirchenweg ist seit Jahrzehnten die direkteste Verbindung zwischen Blankenese und Sülldorf. Er dient als Handelsroute, Schulweg und Zubringer. Bis heute rollen Busse, Krankenwagen und Feuerwehr über diese Achse, die zu gut 98 Prozent dem Durchgangsverkehr dient.

Umso unverständlicher ist das behördliche Vorgehen im Hintergrund. Mitten in der Bauphase im Jahr 2026 wurde die Maßnahme urplötzlich umgeplant – und das, ohne die betroffenen Anwohner auch nur im Ansatz einzubeziehen. Die SV Blankenese hatte zuvor nach zähem Ringen durchgesetzt, dass seine Sportgelände nicht verkleinert werden. Um die Straße dennoch bauen zu können, musste der Bezirk den Querschnitt nach Westen verschwenken. Die fatale Folge für das Viertel: Sämtliche Längsparkplätze vor dem Sportgelände wurden ersatzlos gestrichen.

Nun stehen Spieler, Besucher und Anwohner vor der ungelösten Frage, wo am Wochenende geparkt werden soll. Der enorme Parkdruck verlagert sich vollends auf die engen Nebenstraßen. Der Ratschlag einer Mitarbeiterin des Bezirksamtes, man möge Falschparker doch einfach bei der Polizei melden, sorgt im Viertel für blankes Entsetzen. „Das können die vergessen – wir denunzieren hier doch niemanden“, bringt ein Nachbar die Wut auf den Punkt. Zu allem Überfluss wurden die verbliebenen Grundstücksauffahrten scheinbar willkürlich dimensioniert: Manche messen großzügige 3,50 Meter, während andere die Anlieger auf knappe 2,40 Meter zusammenquetschen – für moderne Fahrzeuge eine Zumutung.

Den Anwohnern rennt nun die Zeit davon, denn die offizielle Fertigstellung ist bereits für den 31. August terminiert. Da die Versiegelung und der Straßenverlauf baulich kaum noch rückgängig gemacht werden können, konzentrieren sich die Anlieger nun auf die wenigen Stellschrauben, die vielleicht noch veränderbar sind. Angesichts der neuen Gefahrenlage fordern sie vehement die Ausweitung der Tempo-30-Zone vor dem Marion-Dönhoff-Gymnasium, um die Verkehrssicherheit zu erhöhen und zumindest die Emissionen und den Lärm im zugepflasterten Straßenzug zu senken. Zugleich muss der Bezirk dringend ein Konzept für die eskalierende Parkplatzsituation entwerfen. Finden sich hier keine Kompromisse, droht das vermeintliche Vorzeigeprojekt am Sülldorfer Kirchenweg als stadtplanerisches Mahnmal in die Geschichte einzugehen – für verlorene alte Bäume, ignorierte Bürger und begrabene Klimaziele.