Blankenese/Wedel (21. Oktober 2026, Konrad Matzen) · Es riecht nach Räucherstäbchen, während über der Tanzfläche Blasen im Scheinwerferlicht treiben. Wer sich an diesem Freitag im Dezember auf den Weg zum S-Bahnhof Wedel macht, sollte nicht nur mit Musik rechnen, sondern mit einer Zeitreise.

Genau dort, in der Villa an der Mühlenstraße 35, startet Starlight Steven am Freitag, dem 11. Dezember 2026, um 10 Uhr die nächste Ausgabe von „Flower Power Space Rock“. Der Titel klingt nach einem Versprechen aus einer anderen Dekade, und er ist eines. Was hier aufgelegt wird, sind Klassiker der späten sechziger und frühen siebziger Jahre: Jimi Hendrix, Blue Cheer, Led Zeppelin, Free, Uriah Heep, The Doors, Cream, Deep Purple, Canned Heat, Yes, Black Sabbath, Pink Floyd, Jethro Tull, Ten Years After. Alles andere als eine Oldie-Beschallung, sondern eine Zusammenstellung, die lange vor dem Aufkommen der digitalen Klangwelten entstanden ist.

Die Reihe, die heute als Hamburgs älteste Rock- und Clubreihe für Psychedelic-, Kraut- und Hippie-Rock der späten 1960er- und 1970er-Jahre gilt, geht auf das Jahr 1990 zurück. Damals legten Starlight Steven (Spyrou) aus Blankenese und Mr. Alien alias Andreas Schmidt im legendären Musikclub Molotow auf St. Pauli zum ersten Mal psychedelischen Rock aus einer anderen Zeit auf. Aus einer Clubnacht wurde eine Institution, die drei Jahrzehnte später immer noch steht, während viele Trends der Zwischenjahre längst wieder verschwunden sind.

Das Konzept hat sich dabei nie verbogen. Es gibt keinen Streaming-Dienst, keine Playlist vom Laptop und keine Digitalkonserve. Starlight Steven dreht weiter Platten um, eine nach der anderen, und wer genau hinhört, merkt schnell, dass der Klang einer Nadel in der Rille eine eigene Wärme hat, die kein Algorithmus erzeugt. Hawkwind und Can stehen bei ihm ebenso selbstverständlich im Regal wie die großen Namen des britischen Hardrock. Es ist Musik, die mitunter elf Minuten dauert, und ein Publikum, das genau deswegen auf die Tanzfläche kommt.

Seinen ersten Anlauf nahm all das in einem Club, in dem der Abend traditionell erst spät begann. Mit den Jahren wurde aus dem Ritual eine Frage des Alters. Andreas hatte mit sechzig Jahren genug von den späten Einsätzen, die bis weit nach Mitternacht dauerten, und wollte kürzertreten. Steven machte weiter, nicht mehr in den frühen Morgenstunden, sondern von zwanzig bis zwei Uhr. Der Weg der Reihe führte damit fort von den Clubs auf St. Pauli. Nach dem Abschied aus dem Molotow zog sie unter anderem durch die Republik der Säle, bis sie schließlich in Wedel ankam.

Dort trifft sie auf ein Haus, das selbst Geschichte trägt. Die Villa ist seit 1982 eine Institution am Rande der Hansestadt, zunächst als selbstverwaltetes Jugendzentrum, später unter städtischer und zuletzt freier Trägerschaft. Im Keller proben seit 1983 Bands, und im Veranstaltungsraum wird das, was in den Proberäumen entsteht, regelmäßig auf die Bühne gebracht. Dass eine Party wie diese nun hier spielt, hat eine gewisse Logik: Beide Seiten wissen, wie man eine Nacht lang Musik ernst nimmt.

Vor allem aber ist die Reihe eine Zeitmaschine, und Steven inszeniert sie als solche. Über der Tanzfläche hängen lange Haare und Blubberblasenlicht, es klingt nach Wah-Wah-Gitarren und Hammondorgeln, und die Deko verrät, woher sie ihre Vorbilder nimmt. Eine Hippie-Disco, wie sie vor fünfzig Jahren in San Francisco und Amsterdam existiert haben mag, nur eben an einem Bahnhof am westlichen Rand der Stadt. Wer will, kann die eigene Haltung dazu mitbringen: Wer sich der Reihe nähert, findet nicht den aktuellen Soundtrack der Gegenwart, sondern eine konsequent einseitige Auswahl.

Für Neugierige hat sich Steven etwas einfallen lassen: Eine offizielle Flower Power Space Rock Playlist auf Spotify gibt einen ersten Höreindruck, bevor sich die Tür zur Villa öffnet. Der Plattenteller indes bleibt stumm, wenn der Strom aus bleibt, denn digital geht es hier nicht weiter. Wer sich also an diesem Freitag auf den Weg macht, sollte nicht mit einem kurzen Set rechnen, sondern mit einer Nacht, die lange genug dauert, um eine Runde um die Platte zu drehen.