Was der Hauptausschuss der Bezirksversammlung im Oktober auf den Weg brachte und der Jugendhilfeausschuss am 4. November absegnete, trägt einen sperrigen Namen und ein einfaches Versprechen: Der Kinder- und Jugendbeirat soll dort mitreden, wo es um Spielplätze, Schulwege, Aufenthaltsorte und Freiräume geht. Bis zu 33 Mitglieder wird er haben, 23 davon gewählt, bis zu zehn weitere kommen ergänzend dazu. Wer gewählt wird, sitzt zwei Jahre. Gewählt wird nicht per Zettel in der Aula, sondern online, über eine zertifizierte Plattform. Die Kampagne startet am 9. November, die Bewerbungsfrist läuft bis zum 6. Januar 2027, danach beginnt eine Bewerbungsrunde der besonderen Art.
Rund zwölf Wochen vor dem Wahltermin heißt es dann: werben, reden, aushalten. Gewählt wird vom 3. bis 14. Februar 2027, konstituieren soll sich der Beirat anschließend mit einem Workshop. Damit die Sache nicht an der Ausstattung scheitert, hat die Bezirksversammlung bereits einen Koordinator bewilligt, eine eigene Stelle, dazu ein jährliches Budget für Projekte. Kandidieren kann grundsätzlich jeder, der in der Altersspanne liegt und in Altona wohnt, in bestimmten Fällen auch, wer hier zur Schule geht, ein Haus der Jugend besucht oder einer Jugendgruppe eines anerkannten Verbands angehört.
Für Bezirksamtsleiter Dr. Sebastian Kloth ist der Beirat kein Anbau an die Verwaltung, sondern ein Korrektiv: „Kinder und Jugendliche bekommen damit eine feste Anlaufstelle und eine sichtbare Stimme im Bezirk. Ihre Perspektive auf das Leben in Altona ist unverzichtbar, wenn wir gute Entscheidungen für die Zukunft unseres Bezirks treffen wollen. Demokratie lebt davon, dass Menschen sich einbringen, Verantwortung übernehmen und erleben, dass ihre Stimme zählt – das kann nicht früh genug beginnen.“ Der Beirat wird über Themen informiert, kann Stellungnahmen abgeben und Anregungen einbringen und dort, wo es juristisch zulässig ist, in Sitzungen der Bezirksversammlung und ihrer Ausschüsse gehört werden. Das ist mehr als eine Einladung zum Kaffee, aber weniger als ein Sitz mit Stimmrecht.
Die Formalie dahinter heißt Paragraf 33 des Bezirksverwaltungsgesetzes. Der verpflichtet die Hamburger Bezirksämter, Kinder und Jugendliche bei Vorhaben, „die die Interessen von Kindern und Jugendlichen berühren“, angemessen zu beteiligen, und geht damit ausdrücklich über das Kann-und-Soll anderer Bundesländer hinaus. Bis Altona so weit war, lief ein Verfahren über mehrere Legislaturperioden: Das Rahmenkonzept wurde 2024 beschlossen, 2025 folgte der Beschluss der Bürgerschaft, in allen Haushaltsbezirken repräsentative Beteiligungsformen aufzubauen, danach Planungs- und Beteiligungsrunden mit Fokusgruppen. Ein Rechtsamt, Datenschutzbeauftragte und der Hamburgische Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit saßen mit am Tisch – kein Wunder, wenn Minderjährige online abstimmen. Kritik kam von der AfD-Fraktion, die 2023 eine „Frühpolitisierung“ der Kinder beklagte und die Eltern im Konzept nicht erwähnt fand.
Nachbarn mit Erfahrung
Nicht überall beginnt man bei null. In Schleswig-Holstein sind Kinder- und Jugendbeiräte seit Jahren Alltag, weil die Gemeindeordnung in Paragraf 47 f die Beteiligung ausdrücklich vorschreibt, wenn die Interessen von Kindern und Jugendlichen berührt sind. In Wedel existiert seit Mai 2012 ein Kinderparlament, das ohne Wahl auskommt und allen offensteht, die mitmachen wollen; der dazugehörige Jugendbeirat ist über die Jahre zur gewählten Vertretung gewachsen. Im Dezember 2025 trat der neunte Jugendbeirat der Stadt zusammen: neun Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren, die an jedem dritten Dienstag im Monat öffentlich tagen und in allen Ausschüssen sowie im Rat Rede- und Antragsrecht haben. Ihr Thema für die kommenden zwei Jahre steht schon fest – mehr Veranstaltungen für Jugendliche und geeignete Treffpunkte, etwa eine Outdoor-Fitness-Anlage am Hafen. Der Vorsitzende Merlin Tschamper saß bereits im achten Beirat, ein Zeichen dafür, dass die Amtszeit nicht mit dem Abitur endet.
Pinneberg wählt seinen Kinder- und Jugendbeirat alle zwei Jahre und hat vor zwei Jahren ein Thema gesetzt, das auch Erwachsene nicht gern anfassen: Der Beirat bekannte sich zur Kampagne „Gleiche Macht für alle“ des Landesfrauenrats, beschäftigte sich in zwei Sitzungen damit und verabschiedete ein eigenes Statement. In Schenefeld vertritt der Beirat die 14- bis 19-Jährigen, tagt meist im Zwei-Wochen-Rhythmus, öffentlich, und berät Ausschüsse und Ratsversammlung in allen Angelegenheiten, die Kinder und Jugendliche betreffen. In Elmshorn kam eine der handfesteren Ideen aus dem Beirat selbst: Eine kostenlose Sportgeräteausleihe und ein Nachhilfeprojekt gingen auf das Konto des 14. Beirats, finanziert aus einem eigenen Budget.
Was Hamburgs Bezirke tun
In Hamburg steht Altona nicht allein. Altona und Wandsbek sind Pilot-Bezirke für die Hansestadt. Wandsbek hat den Kinder- und Jugendbeirat bereits 2024 beschlossen und im Herbst 2025 einen Kick-off-Workshop abgehalten; die Wahl läuft vom 9. bis 22. November. Hamburg-Mitte, Eimsbüttel, Bergedorf und Harburg haben Vereinbarungen zur Anwendung des Paragrafen 33 geschlossen, teils projektbezogen. Und Eimsbüttel machte im Frühjahr 2025 vor, dass es auch anders geht: Ein gemeinsamer Antrag von Fraktionen forderte neben projektbezogener Beteiligung ausdrücklich eine regelhafte, strukturell verankerte Beteiligung, weil bis dahin Politik und Verwaltung vorab festlegten, was sie für beteiligungsbedürftig hielten. Genau darin liegt das Scharnier jeder Beiratsarbeit. Solange Beteiligung ein Projekt ist, hat sie ein Anfang und ein Ende und niemanden in der Pflicht. Sobald sie ein Gremium ist, gibt es Ansprechpartner, Sitzungsrhythmus und eine Akte.
Vom Einfluss und seiner Reichweite
Ob so ein Beirat wirklich Entscheidungen bewegt, hängt an drei Dingen: dem Rederecht, dem Antragsrecht und der Vorlagepflicht. Wo Beiräte nur angehört werden, werden sie schnell zu einem gut besuchten Termin im Kalender. Wo sie Anträge stellen dürfen, sitzt jemand mit am Tisch, der nicht aus Höflichkeit zuhört. Deutlich wird das am Beispiel Laatzen, wo der Jugendbeirat seit 2018 in mehreren Ausschüssen beratend sitzt und 2020 den Klimanotstand sowie 2023 die Begrünung städtischer Flachdächer durchsetzte. Auch die Sportgeräteausleihe in Elmshorn wäre ohne eigenen Etat nicht entstanden. Der Unterschied ist selten die Überzeugungskraft der Argumente, sondern die Frage, wer ein Antragsrecht hat und wer über Geld verfügen darf. In Altona ist beides angelegt: Stellungnahmen und Anregungen, Einladung in Ausschüsse, dazu ein Budget. Ein Stimmrecht hat der Beirat nicht – er wird die Politik nicht überstimmen. Er wird sie überzeugen müssen, und das ist in der Sache nicht nichts: Bezirkspolitik entscheidet über Spielplatzsanierungen, Verkehrsberuhigung und Jugendtreffs, also über genau die Welt, in der Zehnjährige sich bewegen.
Der Blick auf den Seniorenbeirat ist dabei die ehrlichste Vergleichsfolie, weil dieses Gremium seit 1980 besteht und damit Jahrzehnte Vorsprung hat. In jedem Bezirk beraten Seniorenbeiräte Bezirksversammlung und Bezirksamt, ihre Mitglieder haben als sachkundige Bürger Rederecht in den Ausschüssen, sie erstellen Stellungnahmen und berichten alle zwei Jahre über ihre Arbeit. In Altona saßen sie im Hauptausschuss, im Sozial-, Mobilitäts- und Stadtentwicklungsausschuss und arbeiteten das Wohnungsbauprogramm ihres Bezirks durch. Was sie am Ende erreichten, ist typisch für die Wirkung von Beiräten: nicht der große eigene Beschluss, sondern die Korrektur im Detail, die aus einem Entwurf ein paar Sätze mehr für die eigenen Belange herausholt. Ihre Forderung nach verpflichtendem WLAN in Wohn- und Pflegeeinrichtungen, über Jahre hinweg vorgetragen, brauchte Geduld und wurde auf Landesebene weiterverfolgt. Und selbst dieses bestens vernetzte Gremium musste bis Februar 2025 darum kämpfen, endlich Zugang zum Ratsinformationssystem zu bekommen. Wer also glaubt, ein Beiratssitz bringe automatisch Einfluss, übersieht die Jahre, die Reibung und die Selbstverständlichkeit, mit der Erwachsenengremien ihre Verfahren hüten.
Beiräte erzeugen deshalb weder Begeisterung noch Skepsis. Beiräte sind keine kleinen Parlamente, und wer ihnen diese Erwartung anhängt, macht sie schwach. Sie sind Werkzeuge, die je nach Ausstattung klingen – mit Antragsrecht, Etat und einer hauptamtlichen Koordination deutlich, ohne dies leise. Dass Altona all das beschlossen hat, ist der eigentlich belastbare Teil der Nachricht; die Zahl 33 allein würde nichts garantieren. Zugleich ist die Sorge verständlich, dass Beteiligung dann zu guter Öffentlichkeitsarbeit verflacht, wenn sie sich auf Anhörung beschränkt und junge Menschen merken, dass ihr Aufwand im Aktenvermerk endet. Dieses Risiko wächst mit der Amtszeit: In zwei Jahren entscheiden nicht die Sitzungen darüber, ob der Beirat wirkt, sondern ob er im Vergabeverfahren für einen neuen Spielplatz gefragt wurde oder erst erfährt, dass gebaut wird.
Mehr zum Projekt steht unter www.kjb-altona.de. Wer zwischen zehn und neunzehn ist und Altona nicht nur als seinen Schulweg kennt, hat bis zum 6. Januar Zeit, sich aufstellen zu lassen.


















